Tod und Teufel


Tod und Dunkelheit stehen in der menschlichen Vorstellungwelt in enger Beziehung. So wie die Nacht an das Verlöschen des Lebens mahnte, wurde das Nachttier Fledermaus ähnlich den Nachtraubvögeln (Eulen) zum bösen Omen, ja sogar zum Sinnbild des Todes. Das Erscheinen von Fledermäusen im Traum galt als Vorzeichen für drohendes Unheil oder Verlust, für einen Sturm auf dem Meer oder einen Überfall durch Wegelagerer. Vorbote des Todes ist häufig die Krankheit, die in Fledermausgestalt herannaht. In Indien und auf Sri Lanka als Fieberdämonen geltend, verkörperten Fledermäuse bei den Südslawen die Pest. Fledermaus-Kot auf dem Kopf bedeutete Krankwerden. Noch häufiger ist sie aber Todesbote, indem sie Todgeweihten über den Kopf fliegt oder Haare ausreißt.

Die Beziehung zur Hölle wird durch einen Brauch der Zigeuner in Siebenbürgen besonders deutlich. Gegen eine ins Zimmer geflogene Fledermaus schützten sie sich, indem sie schleunigst so viele glühende Kohlen zum Fenster oder zur Türe hinauswarfen, als das Haus Familienmitglieder zählte. In vielen Kulturen findet sich der Glaube, das menschliche Seelen nachts als Fledermäuse umherfliegen, seien es diejenigen Verstorbenen, die keine Ruhe finden, oder die von Schlafenden bis zum Erwachen, wie man in Finnland erzählt. Oft geschieht die Verwandlung in eine Fledermaus auch als Strafe für ein sündiges Leben.

Nach einem alten Volksglauben kann man mit Hilfe von Fledermauszauber dem Teufel aber auch einiges wieder abnehmen: So viele Tropfen Blutes man von einer getöteten Fledermaus aufSeide fallen läßt, so viele Seelen entreißt man demTeufel. Der Aberglaube stellt zwischen Fledermäusen, Hexen und dem Teufel enge Verbindungen her. "Flederwisch" (englisch "flittermouse") ist einer der üblichsten Teufelsnamen. Nach einem Volksglauben der Zigeuner ist die Fledermaus aus einem Kuß entstanden, den der Teufel einem schlafenden Weibe gab. Auch soll der Satan hinter den Fledermäusen ins Haus einfliegen. Dies geschieht natürlich auf häutigen Flügeln. Auch in der sakralen Kunst schlägt sich nieder, Gut und Böse anhand des Flugapparates zu unterscheiden. Während Engel immer auf Vogelschwingen schweben, tragen die Höllenwesen Fledermausflügel. Auch zur Teufelsbeschwörung müssen Fledermäuse herhalten: Teufelspakte unterschrieb man gern mit Fledermausblut. Wollte man ein Mädchen zum Tanzen zwingen - der Tanz galt als teuflisches Lockmittel zur Sinneslust -, so schrieb man den Namen des Mädchens mit Fledermausblut auf einen Zettel und warf ihn zu Boden. Die drauftretende Maid mußte tanzen, ob sie wollte oder nicht. Bei Teufelsaustreibungen sollte der böse Geist aus dem Munde einer Besessenen "ähnlich einer Fledermaus" ausfliegen. In einigen italienischen Dialekten wird die Fledermaus nach dem Teufel genannt, so z.B. in Brindisi "diaulicchiu" (das "Teufelchen").

Bei den Maya Zentralamerikas stand die Fledermausgottheit "Camazótz" (die Todesfledermaus) in hoher Verehrung. Auf Darstellungen der Maya hat sie Menschengestalt, trägt Fledermausschwingen und einen lanzettenförmigen Nasenaufsatz, so wie ihn viele amerikanische Blattnasen-Fledermäuse besitzen. Doch Camazòtz war nicht nur der "Todes-Vampir", sondern auch ein Symbol für Auferstehung. Nach diesem benannte sich im Hochland von Guatemala ein ganzer Clan: "Zotzil" (der Fledermaus gehörig). Neue Deutungen der Bilderschriften und Malereien der Maya, Zapoteken und anderer alter Völker im südlichen Mexiko und nördlichen Mittelamerika lassen die Fledermausdarstellungen aber auch in ganz anderem Licht erscheinen. Unter der Voraussetzung, daß den alten Völkern blütenbesuchende Fledermäuse bekannt waren, könnten die alten Künstler anstelle des blutrünstigen Fledermaustreibens wie "Kopfabreißen" oder "Herzherausreißen" auch den Blütenbesuch und das Aussaugen von Nektar gemeint haben.

Als dämonisches Tier verwendete man die Fledermaus homöopathisch zur Abwehr von Dämonen, in christlicher Zeit auch von Hexen und Teufel. Der von PLINIUS beschriebene Brauch, das Haus gegen Einflüsse böser Dämonen dadurch zu schützen, daß man eine lebende Fledermaus dreimal um dieses herumträgt, um sie dann an die Tür oder das Fenster zu hängen, hatte seine Entsprechung auch in Bayern. In Schwaben wurden Fledermäuse als Schutz vor Hexerei an das Haustor genagelt. Im Allgäu geschah dies auch an Scheunentoren. In der Gegend von Landshut sollte die Fledermaus über der Haustür oder der Scheune vor Feuer und Blitz schützen. Auch steckte man sie dort sogar dem Rindvieh an die Hörner, damit es nicht verhext würde. Im Stall soll sie Ungeziefer abhalten. Doch während tote Fledermäuse lediglich in der Phantasie des Menschen hierzu ihren Beitrag leisten, erbringen quicklebendige Fledertiere diesen erwünschten Effekt. Die Siebenbürger Sachsen und Slowenen schließlich versenkten Fledermäuse als Bauopfer in den Grund des Hauses oder in Stallungen.

Entnommen aus dem Buch "Fledermäuse - Fliegende Kobolde der Nacht" von Klaus Richarz und Alfred Limbrunner